FKS in der SEF

 

Home ] TENDERTREFFEN ] Linkseite ] Inhaltsverzeichnis ] Impressum ] Recht ]

 

Fregattenkapitän d. R. Dipl.-Ing. Rolf Schuh:

 

Flugkörper-Schnellboote in der SEF

 

Es ist stockdunkle Nacht; nur über der wenige Meilen entfernten dänischen Insel Möen kündet ein fahler Widerschein an tief ziehenden Wolken von einer nahe gelegenen Stadt. Der Tender RHEIN vom 3. Schnellbootgeschwader tastet sich mit vier Knoten Fahrt langsam zum vorbestimmten Ankerplatz in der Fakse-Bucht vor. Der Kommandant, Korvettenkapitän Max Lübke, hat mit seinem Schiff einen vom Geschwaderkommandeur angewiesenen Treffpunkt mit den Booten des Geschwaders anzusteuern. Auf der Brücke herrscht angespannte Aufmerksamkeit. Nur das Steuermannspersonal bringt etwas Unruhe in die Szene und „wetzt" von einer Brückenecke zur anderen, nimmt Peilung auf Peilung von den Leuchtfeuern auf den Inseln, um den Ankerplatz so exakt wie möglich bestimmen zu können. Der 1 WO, der Erste Wachoffizier, fährt das Schiff, das nun langsam gegen Wind und See andreht. Um 01.20 Uhr fällt auf 11 Meter Wassertiefe der Steuerbord-Anker; drei Kettenlängen werden gesteckt.

Als die Ankerlaterne brennt und die Oberdecksbeleuchtung eingeschaltet ist, wird es allmählich lebendig in der näheren Umgebung des Schiffes. Die Schnellboote des Geschwaders laufen an, um „päckchenweise" an ihrem Mutterschiff festzumachen. Wie die Glucke mit ihren Küken präsentiert sich kurze Zeit später der Tender, der noch vor kurzem als einsames Schiff auf einsamem Meer, ­so der Text eines alten finnischen Shantys - durch die kabbeligen Ostseewellen gepflügt war.

Das Bild mit der Glucke und ihren Küken wird selbst eingefleischten Landratten nicht unbedingt zusagen. Eine Entenmutter paßt hier besser: Breit ausladend mit wuchtigem Bug, und die Entenküken - sprich Schnellboote - schutzsuchend unter den Fittichen. Die Wirklichkeit sieht allerdings prosaischer aus. Nachdem die Leinen geschoren und die Boote fest vertäut sind, werden umgehend Schläuche und Kabel angeschlagen: Der Tender versorgt seine Kinder nicht nur mit Proviant, sondern vor allem mit Kraftstoff und Elektrizität.

 

 Was bedeutet eigentlich Tender?

 

Normale Sterbliche denken bei dem Wort Tender an den Kohlentender einer Dampflok, aus dem der Heizer den Brennstoff für die Lokomotive entnimmt. Doch bei der Marine ist ein Tender mehr als nur ein schwimmendes Brennstoff-Reservoir. Amtlich ist ein solcher Tender „ .. ein Mutterschiff für Unterstützung, Versorgung und Truppeninstandsetzung eines Schnellbootgeschwaders, im Übungs- und Kampfeinsatz.“ Mit anderen Worten: Der Tender ist weder reines Unterstützungsschiff noch Werkstattschiff oder Versorger; er hat jedoch von allem ein bißchen, und außerdem ist er noch Führungsschiff für den Verband. Unter den 13 Tendern der Bundesmarine befinden sich freilich auch Mutterschiffe für Schnelle Minensuchboote und Unterseeboote.

 

 Tender RHEIN, 2 540 ts, 11 400 PS, 20,5 kn   2-10 cm-Flak, 4-4 cm-Flak

 

Der Tender RHEIN gehört zur Klasse 401 C und ist bereits 1959 vom Stapel gelaufen. Nachdem das 3. Schnellbootgeschwader auf Flugkörper-Schnellboote (FK-S-Boote) der Klasse 148 umgerüstet wurde, mußte auch der Tender umgebaut werden, um an die Versorgungsstruktur dieser neuen Boote angepaßt zu sein. Mit seinen 2370 Tons Standardverdrängung und seiner 11 400 PS starken Maschinenanlage, die auf zwei Wellen mit Verstellpropellern arbeitet, kann er gut und gern 20 Knoten laufen, so daß ihm seine schnellen „Entenküken" nicht all zu weit davonlaufen können. (In Zukunft werden wir uns übrigens daran gewöhnen müssen, die Wellenleistung des Schiffes mit 8400 Kilowatt anzugeben: Die Pferdestärke, die mit der Leistung eines Pferdes sowieso nichts gemein hat, ist laut internationaler Norm zum Tode verurteilt, und alle Leistungsangaben werden künftig ausschließlich in kW angegeben.)

Das 3. Schnellbootgeschwader ist zur Zeit im Rahmen der SEF, der "Ständigen Einsatzgruppe der Flotte", mit dem gesamten Verband, der aus Zerstörern, Fregatten, Minensuchern, U-Booten, See Luftstreitkräften und diversen Versorgern besteht, schon annähernd sechs Wochen unterwegs. Insgesamt sind mehr als 30 Schiffe und Boote sowie etwa 40 Flugzeuge mit zusammen über 2000 Soldaten an der SEF beteiligt. Seetage wechseln mit wenigen Hafentagen, Tagfahrten mit anstrengenden Nachteinsätzen. Von der Nordsee geht es durch Skagerrak und Kattegat an Kopenhagen vorbei, in dänische Gewässer. Auch in der mittleren Ostsee, in Richtung Bornholm, wird „Flagge gezeigt". Die ,.ständigen Begleiter" von der östlichen Seite sind bisweilen ebenfalls mit von der Partie.

 

 

 

 

 Ein völlig neues Schnellbootgefühl

 

Am nächsten Morgen um 8 Uhr legen die Boote wieder vom Tender ab - die Übung geht weiter. Schon wenige Minuten nach Anpfeifen des Ablagemanövers haben sich die S-Boote, eines nach dem anderen, vom Mutterschiff gelöst: „Alle meine Entlein schwimmen auf der See..."

Auf S 48, das unter dem Kommando von Kapitänleutnant Werner Hagenauer steht, ist heute der S 3, der für Operation und Ausbildung des Geschwaders zuständige Stabsoffizier, eingestiegen, um mit zwei Booten den Feind zu spielen, der die eigene Mahalla angreifen soll. Die beiden Boote entfernen sich schnell vom Verband und steuern in Kiellinie ihre Warteposition an. Das Wetter ist zusehends schlechter geworden. Leichter Nieselregen setzt ein, und auch der Seegang nimmt zu, nachdem die Boote die Leestellung hinter den dänischen Inseln verlassen und die freie Ostsee erreicht haben.

Wer die alten S-Boote der JAGUAR­ Klasse kennt, muß sich umstellen, wenn er zum ersten Mal mit den "Schiffen" der Klasse 148 zur See fährt. Sie gleichen wirklich schon fast einem Schiff, wenn auch das Kleinboots-Flair durchaus noch vorhanden ist. Auf der Brücke fühlt man sich "haushoch" über der See, die bei großer Fahrt tief unter einem hinwegrauscht. Doch Brecher und Gischt schlagen verständlicherweise auch bei den neuen Booten über Oberdeck und Brücke hinweg, so daß das schnellbootsmäßige Kopfeinziehen und In-die-Knie-gehen nach wie vor zur automatischen Reflexhandlung der Brückenbesatzung gehört.

Bei dem zur Zeit in der Ostsee herrschenden Seegang von etwa Stärke 5 ergibt sich dann ein völlig neues Schnellbootsgefühl: Die Bewegungen sind viel weicher als bei den JAGUAR ­Booten. Vom Aussehen her wirken die neuen Boote ein wenig topplastig, zumal die schwergewichtigen Maschinen und Aggregate unter der Wasserlinie ja nicht zu sehen sind. In der Tat ist die metazentrische Höhe - für den Schiffbauer ein Maß für das Verhalten bei Seegang - etwas kleiner; das ergibt eine verhältnismäßig große Schlagerperiode, was durch die Form des Unterwasserschiffes noch unterstützt wird. Durch diese schiffbautechnischen Maßnahmen und durch die gesteigerte Größe sowie die vier MTU-Diesel von jeweils 3600 PS, die auf vier Schrauben arbeiten, können die neuen Boote noch einen Seegang abreiten, der für „Jaguare" lebensgefährlich wäre. 14400 PS Maschinenleistung bzw. 10600 kW sind für ein nur 47 Meter langes und 260 Tons schweres Schiff eine ganze Menge. Ein "Küken" hat also neuerdings dreitausend „Ponnies" mehr im Bauch als die Entenmutter, der große Tender. Maschinenleistung und Seeverhalten sind jedoch nicht das  Spektakuläre an diesen Booten. Das wichtigste sind die vier Flugkörpercontainer - ganz laienhaft ausgedrückt die Raketenrohre -, mit denen dieser Typ ausgerüstet wurde. Das Zeitalter der MTB's (motortorpedoboats) geht zu Ende. In Zukunft werden Flugkörperboote die erste Geige spielen. Damit schickt sich die Bundes­republik Deutschland an, dem Gegner zur See mit modernen Waffensystemen zu begegnen. Der Flugkörper ist eine Entwicklung der französischen Firma Aörospatiale und heißt MM-38 "Exocet". Die beiden Buchstaben bedeuten "mer-mer" (also Meer-Meer; wir würden Schiff-Schiff sagen), und "Exocet" leitet sich von „fliegender Fisch" ab. Und wie ein fliegender Fisch steuert der Flugkörper sein Ziel an. Deshalb ist die Bezeichnung Rakete auch nicht korrekt, denn eine übliche Rakete würde nach „Brenn­schluß" in einer ballistischen Bahn das Ziel anfliegen. Ein Flugkörper dagegen wird bis zum Ziel angetrieben und steuert sich nach dem Start auf eine bestimmte Flughöhe über See ein. Vor dem Abfeuern erhält der Flugkörper die Schußwerte für die Anfangsphase seiner Bahn über einen Computer auf Grund der Daten aus dem Seeraumüberwachungsradar bzw. aus dem Feuerleitradargerät. Ein eigener elektronischer Suchkopf der MM-38 übernimmt kurz vor dem Ziel die Endansteuerung. Für die MM-38 sind die vier Container an Bord übrigens nicht nur Startrampen, sondern zugleich auch klimatisierter Lagerbehälter, in denen die wertvollen Flugkörper monatelang ohne Wartung „gefahren" werden können.

Auch artilleristisch sind die S-Boote der Klasse 148 „up to date". Gegen Luftziele haben sie eine 76-mm-Kanone und ein 40-mm-Geschütz an Bord. Besonders bemerkenswert ist der automatische 76-mm-Turm in „Kompaktbauweise" (Modell Oto Compact 76 mm / L 62), eine Entwicklung der italienischen Firma Oto Melara S.p.A. Obwohl die beiden Geschütze vor allem für die Luftabwehr im Nahbereich gedacht sind, können sie selbstverständlich auch zur Seezielbekämpfung eingesetzt werden.

 

„Anlauf beginnt"

 

Für den Schnellbootangriff folgt aus dieser neuen Bewaffnung auch eine völlig neue Taktik, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Es leuchtet ein, daß Torpedoträger, wie die JAGUAR-Schnellboote, deren Hauptwaffe nur eine Reichweite von wenigen Seemeilen hat, anders operieren müssen als FK-Schnellboote, deren Flugkörper über 20 Seemeilen - das sind immerhin etwa 36 Kilometer - weit fliegen und treffen können.

,.Anlauf beginnt", tönt die Stimme des Kommandanten von S 48 durch die Bord­lautsprecher. Kapitänleutnant Hagenauer hat sich in die OPZ, die Operationszentrale des Bootes, begeben, während der WO von der Brücke aus weiterfährt. Auf dem Plot, dem Koppeltisch, berechnen die Gasten nach den Meßwerten des Radargerätes Fahrtstufen und Kurse der Spielgegner. Die Ziele sind schnell verteilt: Für die beiden Boote ergeben sich nacheinander acht verschiedene Ziele. Der Feuerleitcomputer hat die Kurs- und Fahrtwerte ebenfalls übernommen, in Sekundenschnelle werden die Schußunterlagen berechnet, an die Flugkörper gegeben und laufend nachgestellt. letzt müßte der „Countdown" beginnen und das Programm zum Starten der Flugkörper ablaufen. Mit einer Geschwindigkeit von etwa „tausend Sachen" und einer Angriffshöhe von zwei bis drei Metern über See würden hochbrisante Zerstörungsmittel - von einer Feststoffrakete getrieben - ihr Ziel mit unheimlicher Treffgenauigkeit zu finden wissen.

Doch glücklicherweise ist das Ganze nur ein Spiel - ein Spiel jedoch mit ernstem Hintergrund, denn trotz politischer Entspannungs-Euphorie gilt heute bei der potentiellen maritimen Überlegenheit der Warschauer Paktstaaten der NATO-Wahlspruch in stärkerem Maße als je zuvor: "Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit."

 

 

Nach oben